lunedì 16 maggio 2011

Gde David? – Florenz und der perfekte Körper von Ingeborg Robles (Schriftstellerin)

Gde David? – Florenz und der perfekte Körper
von Ingeborg Robles (Schriftstellerin)

Wie oft schon bin ich nicht aus meinen Gedanken gerissen worden, in denen ich mehr ging, als die Füße auf den Straßen, die ich beschritt, in einem babylonischen Ansturm der immer gleichen Frage: „Donde está David?“ „Gde David?“

Einen kurzen Augenblick dauerte es jedes Mal, bis ich mich besonnen hatte, daß nicht nach meinem David, nicht nach deinem David, nicht nach diesem oder jenen, Freund, Vater, Vertrauter, Kollege, oder Sohn, sondern immer und überall in dieser Stadt nach dem einen David gefragt wurde, nach dem David, der allen gehörte, der in der ganzen Welt bekannt war, den alle sehen wollten, in Wirklichkeit.

Armer David! Deine Achillessehne erträgt kaum noch den Druck deiner schönen, aber auf die Dauer ungesunden Haltung, die unzähligen Schritte deiner Bewunderer donnern wie kleine Erdbeben und erschüttern den Boden unter dir, feine Risse ziehen sich bereits wie ein versponnenes Gewebe, ein gefährliches Netz durch deinen unbedingt zu erhaltenen Körper. Selbst die Stimmen der vielsprachigen Führer werden dir vielleicht gefährlich, wenn sie die Luft um dich in Schwingungen versetzen und dir wie kleine Steinschleuder an die Haut fahren. Die Flüssigkeit, die kaum sichtbar aus den vielen Mündern strömt, die vielen Luftzüge hinter den aufgerissenen Lippen, das Wispern und die Ausrufe, spitze Schreie des Überwältigtseins, all das, und vor allem das dauernde Trommeln und Tosen Tausender Füße, täglich, besorgt die Experten, die versuchen, wenigstens hier und da einen Vorschlag einzubringen, könne man nicht zum Beispiel die modernste Technik einsetzen, um wenigstens die laut erklärenden Führerstimmen, welche die Luft um den David in so beängstigende Schwingung versetzen, auf ein Minimum an Lautstärke zu reduzieren, so daß sie vielleicht in Zukunft jedem dich Anstaunenden direkt ins Ohr flüstern, damit von ihrer gebrechlichen Hülle bis zu deinem erhabenen Fernblick ein Meer der Ruhe und Stille walte.

Während wir nach und nach vor dir ins Grab sinken, wird dein für die Ewigkeit geschaffener Körper von unermüdlichen Menschenhänden bearbeitet, um ihn zu erhalten.

Hoch wie ein Doppeldeckerbus, aus einem einzigen Marmorblock gehauen. Der 500-Jahre alte Renaissance-Schönling. 1464 scheiterte an dir Agostino di Duccio, Bildhauer und Sohn dieser Stadt, und 1476 auch Antonio Rossellino, der mit dem roten Schopf aus Settignano. Sie scheiterten an diesem ungeheuren Block von minderwertigen Marmor, mochte er auch aus Carrara kommen. Und ganze zwei Jahre brauchte Michelangelo, dich aus dem schlechten Stein zu hauen, aus diesem Marmor, der überzogen ist mit unzähligen taròli, kleinen Aushöhlungen, Löchern also, und wäre es nicht so aufwendig gewesen, ihn herzuschaffen, hätte man den Riesenblock wohl einfach weggeworfen, so aber putzte der Meister mit seinen sechsundzwanzigjährigen Fingern Kalkmörtel in die taróli, was vielleicht noch angegangen wäre, wenn du, wie ursprünglich geplant, in einer Nische des Santa Maria del Fiore, des großen Domes, aufgestellt worden wärest, doch stattdessen wurdest du auserkoren, auf dem wichtigsten, öffentlichen Platz zu stehen, keine Statue mehr unter anderen, den Propheten und Gotteskämpfern, sondern Held der Stadt nun, Symbol des Stolzes der Bürger im Kampf gegen ihre mächtigen Fürsten.

Ganze zwei Wochen lang dauerte der Transport durch die engen Straßen der Stadt, deine gigantische, steingewordene Person in einen komplizierten Apparat gepackt, zu deren Konstruktion es gleich vier der ausgezeichnetesten Kenner auf diesem Gebiet bedurft hatte, und während du, mit Seilen gebunden, in dem großen, hözernen Behälter baumeltest, boten mehr als vierzig, kräftige Männer ihre ganze Muskelkraft auf, um dich auf ölgeschmierten und eigens konstruierten Trassen vorwärts zu bewegen.

Und während des aufwendigen, langwierigen Tranports – was half dir da der schützende Käfig – wurdest du zum ersten Mal mit Steinen beworfen, du hieltest weiterhin deine Steinschleuder, den Blick melancholisch zur Seite gerichtet, während dich jene Florentiner bewarfen, devote Anhänger ihres Fürsten zumeist, die dich nicht sehen wollten auf dem Platz der Signoria, vor dem Palazzo Vecchio.

Und auch der Himmel schickte seine Nachricht, er schrieb, wie immer, wenn es wichtig war, in Feuerschrift und sandte einen Blitz, wenn auch nur in den Sockel, den sie dir zu bequemerem und erhöhtem Stand errichtetet hatten, ein Warnzeichen, denn der wackere Pier Soderini war aus der Stadt gejagt worden und wieder kamen die verhaßten Fürsten an die Macht. Ein Warnzeichen nur, wenn auch ein feuriges, aber nun bekannst du zum ersten Mal an den Füßen zu leiden, und es erschienen die ersten Risse in deinen Fußgelenken. Und nur zehn Jahre später erfolgte der nächste Angriff auf dich. Am 26. April 1527 war es, als wieder einmal das Blatt sich wendete. Dieses Mal traf es die Fürsten, die berühmten Medici waren aus der Stadt gejagt worden, und der Stadtkampf, der darauf entbrannte, ging direkt über deinem Kopf los und traf schließlich auch ihn. Während nämlich die Fürstenanhänger versuchten, die Tore des Alten Palastes zu stürmen, wehrten die drinnen Verschanzten den drohenden Angriff ab mit einem Hagel aus Steinen und Ziegeln, die sie aus den Palastfenstern warfen und du konntest nicht anders, als stehen zu bleiben, bis dich eine Bank, denn auch zu einer solchen griffen die Belagerten, am linken Arm traf, auf daß er in drei Stücke brach. Drei Tage lang lagen die drei Teile deines zerbrochenen Arms auf der Erde, verlassen und vergessen, bis sie endlich von zwei jungen Männern, die der Kunst mehr als der Politik zugetan sein mochten und Vasari und Salviati hießen, aufgelesen wurden.

Nachdem Menschenhände dich so beschädigt hatten, waren es wieder Menschenhände, die dich zu retten suchten. Zusammensetzten erst den verletzten Arm, dann den Mittelfinger deiner rechten Hand reparierten, der später auf unbekannte Weise zu Schaden gekommen war, schließlich dich reinigten von dem Schmutz und den Wetterspuren, die sich in den langen 300 Jahre, die du auf dem Platz im Herzen der Stadt aushielst, auf deinem Körper schichtweise abgelagert hatten.

Aus dem schlechtesten Marmor enstand deine Schönheit, deine für perfekt gehaltene Form, und erscheint dieser Gegensatz auch erstaunlich, so scheint es wieder fast, als nähre sich deine Schönheit insgeheim von diesem verderblichen Untergrund, zumindest ist nicht abzustreiten, daß sie in einem ständigen, ja täglichen Kampf liegt mit dem Material, aus dem sie hervorgegangen ist, aus diesem minderwertigen Stein, der deine Haut poröser noch als die unsrige sein läßt, so daß viel zu leicht Wasser eindringt, und Staub, und immer weider um dein Weiterleben gefürchtet werden muß.

Und so wurdest du gereinigt, mit Eisen wurde dir die Kruste abgeschlagen, und dann, zu deinem Schutze wurdest du abtransportiert, um dich herum mußten sich Wände schließen, um dich nicht weiter zu gefährden, um dich für die Ewigkeit zu erhalten.

Als man sah, wie es deinem Körper immer schlechter erging, überlegt man, dich in die Loggia dei Lanzi zu stellen, immerhin hättest du da ein Dach über dem Kopf gehabt, aber schließlich kam es noch besser, und man baute dir, inzwischen sieht dich das Jahr 1873, einen Kuppelbau in der Akademie der Künste.

Und als die Stadt unter den Bomben lag, auch da dachte man sogleich an dich und wie du zu schützen seist und flugs bekamst du einen Ziegelumhang und dazu einen extra Bunker, während gleichzeitig, nur einige Straßen entfernt, 300 frierende Menschen,  Kinder und Greise darunter, zusammengepfercht ausharrten, bewacht warteten sie auf dem Bahnsteig des erst kürzlich gebauten Bahnhofs (atemberaubende, neue Architektur!), Abfahrt auf Gleis 16, sie warten auf den Zug, der sie wegschicken sollte aus der bombardierten Stadt und der Zug kam auch und brachte sie sicher nach Auschwitz. Nur wer, wie Lia Vitale, erst ein Jahr alt war, konnte wohl beruhigt schlafen auf dieser Fahrt.


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